Mario* Sinnhofer stellt das Solenaut*innen Projekt vor

  • Sinnhofer 4 © Mario Sinnhofer
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Mario* Sinnhofer hat gemeinsam mit einem Partner im Rahmen der Kulturhauptstadt 2024 in Bad Ischl das Solenaut*innen Projekt umgesetzt. Wie die Idee dazu entstanden ist, wie es ihm während der Umsetzung ging und warum wir gerade jetzt darüber sprechen, erfahren sie im Interview. 

Disclaimer: das Solenaut*innen Projekt wurde bereits im Jahr 2024 umgesetzt. Das Interview haben wir erst im Winter 2025/26 geführt. Das hatte zum einen zeitliche Gründe und neue Entwicklungen rund um die Kommerzialisierung des Prototypen. Mehr dazu im folgenden Interview.

Wienwork: Stellen sie sich bitte vor?

Ich heiße Mario* Sinnhofer, ohne Pronomen. Ich bin 52 Jahre alt und mache hauptsächlich Kunstprojekte, aber auch Workshops und Veranstaltungen. Ich habe mich dabei auf immersive Performance und Experience Design Formate spezialisiert. Aktuell versuche ich mein letztes großes Projekt in ein permanentes touristisches Angebot in Wien zu überführen.

Wienwork: Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden?

Das Solenaut*innen Projekt war ein Prototyp, den ich gemeinsam mit einem Partner im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt 2024 in Bad Ischl realisieren konnte. Der Arbeitstitel für das neue Projekt ist „Space Float Vienna“, weil der Wortwitz aus Sole und Astronaut*in ja auf Englisch nicht funktioniert.

Die Idee für das Projekt entstand schon 2010. Ich habe mich zu dieser Zeit sehr viel mit den Themen Meditation und Tiefenentspannung beschäftigt. In dieser Phase hatte ich ein Erlebnis, bei dem ich mich durch Körperübungen in einen Entspannungszustand versetzt habe, sodass die Schwerkraft nicht mehr spürbar war. Als ich die Augen aufgemacht und in den Himmel geschaut habe, hatte ich das Gefühl im Weltraum zu schweben. Diese Tiefe und räumliche Wahrnehmung des unendlichen Weltraums waren so überwältigend, dass ich dieses Erlebnis auch für andere Menschen erfahrbar machen wollte. Ich habe verschiedene Wege gesucht, um das zu realisieren und bin dann bei Floating in körperwarmem Salzwasser gelandet. Ein Weltraumvideo in einer Kuppel darüber projiziert sollte dann das Weltall simulieren. So eine mobile Fulldome-Kuppel mit 18m Durchmesser ist schon ziemlich groß, so ähnlich wie in ein Planetarium. Und in das Solebecken sollten liegend mindestens 24 Menschen reinpassen.

Mein Kollege Günter Hanninger ist Architekt, wir haben das Projekt über mehrere Jahre hinweg in verschiedenen Varianten bei unterschiedlichen Anlässen eingereicht, aber es ist nie angenommen geworden. Bis wir dann bei der Kulturhauptstadt 2024 gelandet sind, in deren Ausschreibung unter anderem die Ausrichtung „Kultur als das neue Salz“ zu lesen war. Denen hat das Projekt so gut gefallen, weil es sich auf Sole/Salzproduktion und auch die Badekultur in Bad Ischl bezieht, was dort alles ja historisch immens wichtig war. So haben wir das Projekt im Rahmen der Kulturhauptstadt realisieren können.

Wienwork: Gab es bei der Umsetzung besondere Herausforderungen?

Wir waren mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert. Da war zum einen das finanzielle Risiko. Uns ist während des Vorbereitungsjahres der Hauptsponsor abgesprungen. Das heißt, die Ausfinanzierung des Projektes war nicht von Beginn an gesichert. Wir brauchten dafür Einnahmen von mindestens EUR 80.000,- aus Eintritten. Das ist eigentlich unüblich, weil Kunstprojekte normalerweise zum Start schon ausfinanziert sein müssen. Wir waren gezwungen eine Auslastung von 70% zu erreichen, sonst hätten wir auf unsere eigene Bezahlung verzichten müssen. Wir waren überzeugt das zu schaffen und haben uns letztlich entschieden, dieses Risiko auf uns zu nehmen.

Während der Entwicklung 2023 standen wir vor einer weiteren Herausforderung. Wir konnten die Verträge nicht unterschreiben, weil Fragen der Bäderhygieneverordnung nicht geklärt waren. Wir wären wie eine Therme behandelt worden und konnten die Vorschriften und Auflagen im Rahmen unseres Budgets nicht erfüllen. Es war lange nicht klar, ob wir das Vorhaben wirklich noch realisieren können. Wir mussten einen Weg finden die Teilnehmenden nicht mit dem hochprozentigen Salzwasser in Berührung zu bringen und sind dann bei Hochsee-Schutzanzügen gelandet, wie sie auch auf Bohrplattformen eingesetzt werden. Die haben den Vorteil, dass sie zusätzlich für Auftrieb sorgen und wie Raumanzüge aussehen. So sind wir dann bei einer Inszenierung eines Weltraumerlebnisses im „Internationalen Sole-Raumhafen Bad Ischl“ gelandet.

Wienwork: Gab es spezielle Learnings aus dem Projekt?

Ich habe festgestellt, dass für so ein großes Projekt viel mehr Puffer für Unvorhergesehenes einzurechnen ist, sowohl im Bereich Arbeitszeit als auch bei den Kosten. Es gab Phasen, da ist uns die Belastung zu viel geworden und ich bin weit über meine Grenzen gegangen. Für mich müssen in Zukunft das Umfeld und die Rahmenbedingungen stimmen, damit ich so etwas nochmal durchziehen kann. Ich kann viel leisten, ich muss aber auch gesundheitlich gut aufgestellt sein und stabil sein. Ich habe auch erkannt, dass während solcher Projekte künftig auch Entlastung und Ruhephasen im Plan vorgesehen sein müssen.

Ein weiteres Learning war, dass es sinnvoll und notwendig ist, die Verantwortung für das Künstlerische von der Produktion zu trennen. Wir beide haben uns beide Bereiche geteilt, das war bewusst so entschieden, aber es hat auch dazu geführt, dass wir dauernd beide alles im Blick behalten mussten. Es hat mir auch gezeigt, in welchen Bereichen ich Verantwortung übernehmen möchte und wo nicht. Meine Kernkompetenzen liegen dabei ganz eindeutig im künstlerischen Bereich.

Wienwork: Was waren ihre persönlichen Highlights des Projektes?

Das gab es tatsächlich einige! Das erste Highlight war als die Therme Bad Ischl eingestiegen ist und uns den Vorplatz und weitere Infrastruktur für unser Projekt zur Verfügung gestellt hat.

Die Pressevorführung und die Pressekonferenz waren sehr wichtig. Die Presse hat sehr positiv auf das Projekt reagiert. Die Berichte haben uns geholfen die notwendige Auslastung zu erreichen.

Während des laufenden Betriebs ist uns über Nacht die Projektionsleinwand gerissen und ins Wasser gefallen. Ohne Leinwand geht es nicht und wir hätten so schnell auch keinen Ersatz bekommen. Wir hatten das Glück, dass wir jemanden gefunden haben, der die Leinwand innerhalb von zwei Tagen nähen konnte.

Im letzten Herbst erreichte uns ein E-Mail von einem Bauträger, der das Projekt in Wien umsetzen wollen. Da ist jemand auf uns zugekommen und zeigt Interesse an der langfristigen Umsetzung unseres Prototypen. Die sehen kommerzielles Potential in dem Projekt.

Die schönste Rückmeldung stammt von einer Besucherin. Sie hat uns nach ihrem Besuch gesagt: „Wie sie da auf die Welt runtergeschaut hat, sind ihr ihre eigenen Probleme, Schwierigkeiten und Ängste plötzlich ganz klein vorgekommen“. Die Perspektivenänderung hat ihr geholfen eine neue Sichtweise auf ihr Leben oder den Planeten als Ganzes zu gewinnen. Das wird auch als „Overview Effekt“ bezeichnet. Wenn wir so ein Gefühl bei einigen anderen auch noch erreicht haben, dann haben wir schon sehr viel geschafft.

Wienwork: wie ist es als Künstler selbstständig zu sein?

Viele Menschen scheitern an der Selbstständigkeit. Gute Kunst erschaffen können und gut verkaufen können gehen oft nicht Hand in Hand. Mir hat mein zweites Studium (Kommunikationswissenschaft) immer auch geholfen zu kommunizieren und mich selbst „gut zu verkaufen“. Das Unternehmerische ist auch als Künstler wichtig. Ich habe lernen müssen damit umzugehen, was ich bin und was ich kann und das richtig zu platzieren.

Wenn mich jemand fragt „Kannst du von der Kunst leben?“ dann antworte ich oft :„Das ist nicht die erste relevante Frage. Es geht erstmal darum, WIE kann ich mit der Kunst leben?“ Wie gehe ich damit um, dass ich diese innere Notwendigkeit des künstlerischen Schaffens habe und trotzdem eine berufliche Laufbahn entsteht? Du studierst ja nicht Kunst mit dem Ziel, dass das viel Geld bringen soll. Mir haben dabei das Konzept der Sozialen Plastik von Joseph Beuys geholfen. „Jeder Mensch ein Künstler“ sagte er, aber das wird meistens falsch gedeutet. Nicht alle können Malen, aber alle Leute gestalten gemeinsam täglich an der Gesellschaft mit, und das kann ich mehr oder weniger gut oder kunstvoll machen. Das Anwenden von Kunst im Alltag, das Ineinanderfließen habe ich sehr früh als Arbeitsfeld entdeckt. Wo es nicht so getrennt ist wie im Theater: Hier sitze ich – und dort auf der Bühne ist die Kunst. Ein Beispiel dafür waren meine Kunstprojekte zu Fußball/Sportartikelproduktion & Fair Trade. Dort konnte ich die künstlerische Kraft und Kreativität nutzen, um an Defiziten in der Gesellschaft zu arbeiten, und habe dann letztendlich eine Firma gegründet, die Kunstobjekte als Trainingsgeräte – mit FairTrade Siegel - verkauft hat. Ich halte das für eine gute Brücke, die bei anderen Kunstsparten nicht beinhaltet ist. Social Entrepreneurship liegt da sehr nahe dran. Social Entrepreneurs gründen Startups die wirtschaftlich als Firma funktionieren sollen, sich jedoch der Lösung eines gesellschaftlichen Problems als Hauptziel verschrieben haben, nicht der Gewinnmaximierung. Sie begreifen sich zwar nicht als Kunstschaffende, für mich ist hier aber die Soziale Plastik in der Wirtschaft angekommen. Nach dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys machen diese Leute Kunst.

Wienwork: wie haben sie die Unterstützung von wienwork erlebt?

Ich habe Gefühl gehabt, dass wir gut navigiert haben zwischen Überblick, Einordnung und konkreten Details. Wir haben sehr variabel geschaut was gerade wichtig war und Anlass-fokussiert gearbeitet. Den Austausch über diese Arbeitsthemen habe ich sehr geschätzt und das war wertvoll für mich. Auch das Außenbild von einer unbeteiligten Person war in dieser Phase wichtig.

Was mir ebenfalls gut getan hat war die Kontinuität. Ich konnte mich darauf verlassen, dass jemand da ist.

Ich habe mich verstanden gefühlt in meinen Problemstellungen. Ich konnte Klarheit gewinnen in meinen Planungen. Die Unterstützung hat mir geholfen wieder die nächsten Schritte zu entwickeln. Besonders geschätzt habe ich, dass immer ein guter Rahmen gehalten wurde, um eigene Lösungen und Schritte zu entwickeln. 

Wienwork: Haben sie Tipps für andere Kunstschaffende / Unternehmer:innen?

Mir tut gut mich mit anderen auszutauschen und zu verbinden, die in einer ähnlichen Situation sind. Das mache ich auch gerne über Co-Working Orte wie dem Impact Hub oder Programme der Kreativwirtschaft Austria, wo man voneinander lernen kann. Im Austausch erkenne ich, dass ich nicht allein bin. Viele sind in einer ähnlichen Situation, wir sind von strukturellen Schwierigkeiten betroffen, und das bedeutet nicht, dass wir unfähig sind. Gemeinsam geht es leichter. Es gibt zahlreiche professionelle Unterstützungsprogramme, die ich ebenfalls, bei Bedarf, gerne in Anspruch nehme.

Wienwork: gibt es noch ein Thema, das wichtig ist, das wir nicht angesprochen haben?

Wir haben in der Beratung immer wieder über Depressionsphasen gesprochen. Ich halte es für sehr wichtig das Thema immer mitzudenken, um nicht in eine Überforderung zu rutschen. Das war aber niemals vorrangig das Thema in unseren Gesprächen. Ich habe mich verstanden gefühlt, aber es stand niemals im Vordergrund. Ich habe es als hilfreich erlebt das nicht immer zu thematisieren. Es ist wichtig, weil es im Hintergrund immer da ist, aber in der Beratung liegt der Fokus auf die Möglichkeiten und die Chancen. Das finde ich gut und es hat deshalb auch gut funktioniert.

Wienwork: Vielen Dank für das Interview!

Weitere Infos und ein Videozusammenschnitt finden Sie unter: www.solenaut-innen.space

 

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