Sandra Regner übernimmt eine Trafik im 12. Bezirk
Sandra Regner sucht die berufliche Veränderung und findet in der Trafikübernahme die Möglichkeit ihren Arbeitsalltag entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse zu strukturieren. Was sie gemacht hat und wie es ihr nach rund drei Monaten steht im Interview.
wienwork: Stellen Sie sich bitte vor?
Mein Name ist Sandra Regner, ich bin 43, Mama und seit Mai 26 Inhaberin einer kleinen Trafik im 12. Bezirk. Beruflich komme ich aus einer ganz anderen Branche und habe in der Vergangenheit oft darüber nachgedacht etwas Selbstständig zu machen. Ich habe mich bisher aber nicht so recht getraut.
wienwork: Wie sind Sie auf die Idee mit der Trafik gekommen?
Ich habe durch Zufall die Einladung von der MVG zur Veranstaltung „Meine Trafik, meine Chance“ erhalten. Ich wollte dort netzwerken, Leute kennenlernen und, falls möglich, bei jemandem mitarbeiten, um Erfahrung zu sammeln. Ich wollte einfach was Neues probieren.
Bei der Veranstaltung wurde mir in klaren Schritten erklärt, wie man zu einer Trafik kommt. Das hat mir sehr geholfen und mir auch den Mut gegeben dieses Vorhaben anzugehen. So bin ich zum ersten Mal mit dem Thema Trafik und Selbstständigkeit in Berührung gekommen.
wienwork: Stellen Sie ihr Geschäft bitte vor?
Bei der Ausschreibung hat mich gerade dieses Geschäft hier im 12. Bezirk sehr angesprochen. Es war kein besonders großes Geschäft, aber es war hell und freundlich gestaltet, sodass ich mich sofort wohl gefühlt habe. Ich wollte was finden was ich gut bewerkstelligen kann und mir auch Spaß macht. Deshalb habe ich mich bewusst für eine kleinere Trafik entschieden.
Ich kenne auch die Gegend und die Leute hier sehr gut, weil ich hier auch eine Zeit lang gewohnt habe. Hetzendorf hat einen dörflichen Charakter und ich finde das spürt man auch in der Arbeit mit den Kund:innen. Man lernt die Kund:innen gut kennen und baut eine Beziehung zu ihnen auf. Z.B. hatten wie eine Kund:in, die uns ihren alten Tisch geschenkt hat, weil sie dachte wir könnten ihn gut brauchen. Man hilft sich hier untereinander. Wir sind auch das einzige verbleibende Geschäft in der Gegend und die Kund:innen sind dankbar, dass wir noch da sind.
wienwork: Wie sind Sie bei der Trafiksuche vorgegangen?
Mir waren vor allem die Gegend und die Lage der Trafik wichtig. Die Umsatzzahlen standen bei meiner Entscheidung nicht im Vordergrund. Klar wollte ich auch eine Trafik, von der ich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, aber Geld stand niemals im Vordergrund. Mir war wichtig etwas zu finden, wo ich mich wohlfühle und gut arbeiten kann.
Die Erreichbarkeit war ein weiterer Punkt, den ich mir genau angesehen habe. Ich wollte nicht zu lange im Auto sitzen.
wienwork: Haben Sie Tipps für Gründer:innen? Tipps für Hearingvorbereitung?
Ich würde allen Interessent:innen empfehlen in die Branche reinzuschnuppern und, falls möglich auch Arbeitserprobungen oder ähnliches durchzuführen. Man lernt in der Praxis vieles, das einem beim Hearing, aber auch später in der eigenen Trafik hilft. Ich habe z.B. einen Nachmittag im 21. In einer Trafik bei einem Trafikanten verbracht und eine weitere Woche zur Einschulung in einer Trafik in Wolkersdorf. Diese Erfahrung war sehr wertvoll.
Das Hearing habe ich sehr ernst genommen. Ich habe in Eigeninitiative viel Information eingeholt und bei allen möglichen Firmen angerufen. Auch die Wirtschaftskammer bietet Webseminare zum Thema Selbstständigkeit, die ich als sehr hilfreich empfunden habe. Ich habe die Zeit sinnvoll genutzt und mich gut auf darauf vorbereitet. Ich fand es auch wichtig den Hearingbogen zuerst selbst auszufüllen und mir dann erst Feedback einzuholen. Die gefragten Informationen sind vorhanden. Man kann sie selbst gut einholen, indem man bei den Unternehmen anruft. Der Austausch mit bestehenden Trafikant:nnen hat mir auch geholfen.
Ich habe den Vorbereitungsbogen auch für mich als Erinnerung und Planung genutzt, um später wichtige Schritte nicht zu vergessen. Z.B. war mir klar, dass kein Personal zu übernehmen ist. So konnte ich mich darauf vorbereiten, dass ich zu Beginn alleine im Geschäft stehen werde.
wienwork: Wieso wollten Sie sich selbständig machen?
Die Selbstständigkeit bietet mir Möglichkeit Strategien zu entwickeln, wie ich die Arbeit besser in meinen Lebensrhythmus integrieren kann. Ich habe jetzt das Gefühl nicht immer funktionieren zu müssen Ich kann mir die Arbeit jetzt besser einteilen. Wenn ich z.B. nicht so aufmerksam bin, dann reinige ich etwas oder räume etwas auf. Wenn es mir dann wieder besser geht, dann kann ich mich auch wieder um das Bestellwesen kümmern. Das klappt auch sehr gut.
wienwork: Wie erleben Sie die Selbständigkeit?
Ich habe den Schlafmangel unterschätzt! Ich stehe jeden Tag um 4 Uhr auf und komme meist erst um 20 Uhr nach Hause. Da ich die Trafik aktuell alleine führe, muss ich immer im Geschäft sein. Das ist kein 38,5 Stunden Job, sondern ich arbeite deutlich mehr Stunden als vorher im Job.
Trotzdem war die Entscheidung goldrichtig! Ich bin sehr froh hier gelandet zu sein. Ich arbeite zwar mehr Stunden als früher, es ist aber nicht mehr so anstrengend wie in der Bank. Ich habe jetzt keine Vorgaben mehr, ich arbeite nur mehr für mich und niemanden anderen. Ein weiterer Grund, wieso mir die Arbeit leichter von der Hand ist, dass ich mich besser von der Arbeit abgrenzen kann. Ich sperre das Geschäft zu und die Arbeit ist zu Ende. Das hilft mir auch gesundheitlich.
wienwork: Welche Rolle spielt Ihre Behinderung für Ihre Selbständigkeit?
Ohne Behinderung keine Trafik! Sie hat mir die Chance gegeben das zu machen, was ich wollte. Die Trafik erleichtert mir vieles und ich kann durch sie weiter im Arbeitsprozess bleiben. Mir sind in meinem Arbeitsalltag Strukturen wichtig. In der Selbstständigkeit kann ich mir diese Strukturen selbst schaffen. Ich kann mein Umfeld so gestalten, dass es mir gut passt, ohne das Gefühl zu haben weniger leisten zu können als andere. Insgesamt bin ich zufriedener und fühle mich gut aufgehoben.
wienwork: Was sind Ihre nächsten Pläne
Ich führe die Trafik ja erst seit Mai. Mir ist wichtig, dass ich den Standort wirtschaftlich erhalten und für meinen Kund:innen da sein kann. Ihnen war es auch sehr wichtig, dass der Standort erhalten bleibt. Das haben sie mir auch immer wieder erzählt.
Ich habe das Sortiment erweitert und New Generation Products aufgenommen, die v.a. von den jüngeren Kund:innen gut angenommen werden.
In einem nächsten Schritt plane ich den Verkaufsraum zu modernisieren und einen Automaten zu erneuern. Ich habe einen dislozierten Automaten beim Spar, der sehr gut geht. Dort möchte ich ein neues Gerät aufstellen mit mehr Sortiment.
wienwork: Was war Ihr größter Erfolg
Mein größter Erfolg, wie auch die größte Herausforderung, war alleine (ohne Personal) zu starten. Das war für mich eine große Überwindung. Darauf bin ich am meisten stolz, dass ich das gut geschafft habe.
wienwork: Was war die größte Herausforderung?
Das war der Start ohne Team! Ich musste mich in kurzer Zeit in viele Themen einarbeiten und gleichzeitig den laufenden Betrieb sicherstellen. Dabei hat mir die Unterstützung von meiner Familie und meinem Lebensgefährten sehr geholfen. Meiner Meinung nach muss die Familie muss dahinterstehen und das Vorhaben mittragen.
Die Anfangsphase war intensiv, aber sie hat mich auch stärker gemacht. Ich habe mir in den ersten Monaten immer wieder gedacht: „Wow, was haben wir alles geschafft und gut gemacht!“ Ich habe Erfolgserlebnisse für mich geschaffen.
wienwork: Wie haben Sie die Unterstützung durch die Gründungsberatung erlebt?
Die Gründungsberatung bei wienwork war sehr wertvoll. Ich habe Sicherheit bei Finanzplanung gewonnen und sie hat mir geholfen wirtschaftliche Grundlagen gut zu verstehen. Außerdem fand ich es gut einen Ansprechpartner zu haben, der mir Orientierung gegeben und den Einstieg in die Selbstständigkeit erleichtert hat.
wienwork: vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!


